Rezension: Glenn Jäger: In den Sand gesetzt

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Der Sozialwissenschaftler Glenn Jäger nimmt in seinem kürzlich erschienen Buch "In den Sand gesetzt" Qatar umfassend in den Blick. Den Hauptfokus legt er auf die Vorbereitungen für die Fußball-WM im Jahr 2022, die das Emirat ausrichten wird. Schon die Vergabe der WM an Qatar hat weithin für Stirnrunzeln gesorgt. Eine Fußball-Weltmeisterschaft in der glühenden Wüstenhitze der Arabischen Halbinsel? In einem Land, das im Gegensatz zu anderen Interessenten über keine wirkliche Fußballtradition verfügt? Die Umstände haben schon bald Anlass zu bohrenden Nachfragen und zu kritischen Recherchen geboten. Jäger beschreibt die "Landschaftspflege", die der Herrscherclan der Al Thani und seine Sportfunktionäre betreiben mussten, um den Zuschlag für das neben Olympia wohl populärste Sportgroßevent der Welt zu bekommen. Man erfährt unter anderem, wie Mohamed Bin Hammam, ein Jugendfreund des Emirs von Qatar, ab 1996 Mitglied im FIFA-Exekutivkomitee, Deutschland half, die notwendigen asiatischen Stimmen für die Vergabe der Fußball-WM 2006 zu bekommen. Wäscht eine Hand die andere? Jedenfalls zeigte sich, dass schon vor der Entscheidung für den Austragungsort Qatar deutsche Fußballfunktionäre wie etwa Franz Beckenbauer das Emirat zu bereisen begannen. Und nicht nur sie.

 

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Auch deutsche Politiker, darunter unter anderem Bundespräsident Christian Wulff, gaben sich in jener Zeit in Qatar fast die Klinke in die Hand. Qatar hatte – ganz unabhängig von der Fußball-WM – begonnen, Wirtschaft und Infrastruktur systematisch auszubauen, um perspetivisch seiner völlig einseitigen Abhängigkeit von Erdöl und Erdgas zu entkommen. Dazu diente, wie Jäger es schildert, unter anderem ein Großprogramm mit dem Titel "Qatar National Vision 2030", das wiederum bei deutschen Unternehmen Interesse an teils milliardenschweren Aufträgen weckte. Konnte da nicht die Fußball-WM dem Emirat weitere Anreize und interessierten Firmen zusätzliche attraktive Aufträge bieten? Wie auch immer – die Pläne, mit denen Qatar sich erfolgreich um die WM-Vergabe bewarb, wurden in Frankfurt am Main entwickelt, vom Architektur- und Planungsbüro AS+P (Albert Speer und Partner), das wiederum neben deutschen Baukonzernen nach erfolgreicher Bewerbung von den nun anfallenden lukrativen Bauaufträgen profitierte. Die Frage, wer wem zu einer Fußball-WM verhilft, kann weitreichende Konsequenzen haben.

 

Und das umso mehr, wenn das Land, mit dem man in puncto WM kooperiert, dabei ist, umfassende politische Aktivitäten zu entfalten. Gerade als Qatar den Zuschlag für das Großevent erhalten hatte und milliardenschwere Aufträge dafür zu vergeben begann, nahmen die Unruhen in der arabischen Welt ihren Lauf – und sie boten aus Sicht des Westens zusätzliche Optionen für eine politische Kooperation beim Sturz missliebiger Regierungen wie derjenigen von Muammar al Gaddafi in Libyen und Bashar al Assad in Syrien. In beiden Ländern hat sich Qatar massiv eingemischt – loyal an der Seite des Westens. In der Gesamtschau erklärt das dann auch, weshalb, wie Jäger schreibt, die westliche Politik sich nicht daran stört, dass in dem Emirat jegliche homosexuelle Handlung mit Gefängnis und Peitschenhieben bestraft werden kann, während die Diskriminierung von Lesben und Schwulen in Russland von westlichen Politikern zum Anlass genommen wurde, um der Winterolympiade in Sotschi Anfang 2014 fernzubleiben. Die Verbindung der großen Gesamtschau auf Politik und Ökonomie mit dem detailreichen Blick auf die Vorbereitungen für die Fußball-WM 2022, die vieles überhaupt erst verständlich werden lässt – das ist die große Stärke des gut geschriebenen, sehr zu empfehlenden Buchs, das Jäger vorgelegt hat.

 

Glenn Jäger: In den Sand gesetzt

Katar, die FIFA und die Fußball-WM 2022

Köln 2018 (PapyRossa Verlag)

311 Seiten

16,90 Euro

ISBN 978-3-89438-662-7

Source: German Foreign Policy
Rezension: Glenn Jäger: In den Sand gesetzt

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